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Weihnachten mit den Shields

Irland

Anwesen von Collin Shield

25.12.


»Weihnachten … Fest der Liebe … das ich nicht lache.« Mit einem vor Schmerz verzogenen Gesicht humpelte Freya durch die Küche. »Fest des Schmerzes trifft es eher.« Sie hielt für einen Moment inne und rieb ihren nackten, rechten Fuß über den Spann des linken.

»Lego?«, fragte Liam, der die Ankunft seiner Schwester zwar schweigend, aber mit einem unterdrückten Lächeln beobachtet hatte.

»Was denn sonst? Diese Ausgeburten der Hölle machen das doch mit Absicht!«

Ein Grollen vibrierte durch Liams Brust. »Sicher. Ihr Jahresziel kann kein anderes gewesen sein, als dir den Weihnachtsmorgen zu versauen.«

»Sag’ ich doch«, murmelte Freya, schnappte sich eine der Tassen aus der Spüle und schielte zu der Kaffeemaschine. Ein Kribbeln stieg in ihren Nacken, während sie die tiefschwarze Anzeige betrachtete. Wenn sie Glück hatte, würde sie die nach ihr rufende Taste betätigen und in wenigen Sekunden das goldbraune Lebenselixier in den Händen halten. Doch Freya Shield hatte nie Glück. Es war also wahrscheinlicher, dass die Kaffeemaschine nach Wasser, Kaffeebohnen, einer Entkalkung und einem Exorzismus schreien würde. Sie schnaubte. Nichts lag ihr ferner, als sich an diesem Morgen auch noch damit herumzuärgern. Mit ihrer Tasse bewaffnet, hinkte sie an ihrem Bruder vorbei, der stillschweigend auf einem der Hocker saß und sie beobachtete. Am anderen Ende der Küche angekommen, zuckte ihr Blick zu der Uhr.

Zehn nach neun. Sie hatte schon zu schlimmeren Uhrzeiten angefangen, sich dem Alkohol hinzugeben. Sie streckte sich, schnappte sich eine der Whiskeyflaschen, die gut geschützt außerhalb der Reichweite von Kinderhänden standen, und füllte ihre Tasse randvoll.

»Kalter Kaffee, also?«, stellte Liam amüsiert fest. Ein erhobener Mittelfinger war die Antwort auf seine durchaus dämliche Frage. Der erste Schluck brannte sich beißend durch ihren Rachen und schickte ihr eine sanfte Welle der Übelkeit durch den Magen. Ein Problem, welches der zweite Schluck behob. Wohlige Wärme breitete sich in ihr aus und löste einen Teil der Anspannung, die sich in ihrem Nacken gebildet hatte. Zu sagen, sie hasste Weihnachten, war die Untertreibung des Jahres – aber es gab auch keine Beschreibung, die ihren Gefühlszustand verständlicher beschrieb.

»Wo ist die Brut?«

Liam gähnte und deutete mit einem Kopfnicken in Richtung des Fensters. »Schneeballschlacht im Garten.« Freyas Braue wölbte sich und berührte beinahe ihren weißblonden Haaransatz. »Wer gewinnt?«, fragte sie und schlich langsam an die große Glastür, hinter der die durchaus übertrieben geschmückte Terrasse lag. Schneeflocken tanzten durch die aufgewühlte Luft. Die unzähligen Lichterketten überzogen diese mit einem anmutigen Glitzern.

»Weiß nicht, ich bin gegangen, als Jax mit blutiger Nase und dem Arsch zuerst in den Schnee gefallen ist.«

Freya rollte die Augen. Super, jetzt durften sie sich auch noch den gesamten Tag das Gejammer ihres Vaters anhören.

»Bist du dir sicher, dass es nicht einen wichtigen Auftrag zu erfüllen gibt? Irgendwelche Verräter bestrafen? Eine Waffenlieferung verschieben? Schutzgeld eintreiben?« Pure Verzweiflung lag in ihren Worten, und Liam war sich sicher, dass sie sogar lieber das Tattoostudio mit der Zahnbürste schrubben gehen würde, als hier zu sein. Nur hatte Nora dieses verbarrikadiert und die Schlüssel verschwinden lassen.

»Seit wann verlangen wir Schutzgeld?«, fragte er und runzelte verblüfft die Stirn. Unsicher darüber, ob er in den vergangenen Wochen etwas verpasst hatte.

»Gar nicht, aber heute wäre doch der perfekte Tag, um damit anzufangen. Ich geh’ mich umziehen.«

Liam schüttelte lachend den Kopf. »Nichts und niemand wird dich von dieser Insel bringen. Nora war mehr als deutlich mit ihren Ansagen an das Personal.«

Was übersetzt so viel hieß wie: Sie hatte dem Fährmann gedroht, ihm die Eier abzuschneiden und diese hübsch verpackt als Neujahrsgeschenk zu überbringen, wenn er einen der Shields von der Insel schleuste. In diesem Fall war die einsame Insel, die Collins Anwesen beherbergte, mehr Fluch als Segen. Freya schloss resigniert die Augen, nahm einen tiefen Atemzug und legte den Kopf in den Nacken. »Warum? Ich meine, was haben wir ihr getan, dass sie so grausam zu uns ist?«

»Reicht eine Aufzählung oder soll ich die PowerPoint-Präsentation zur bildlichen Untermalung starten?«

Abermals streckte sie ihm den Mittelfinger entgegen. Gleichzeitig spürte sie, wie ihr innerer Widerstand ins Wanken geriet. Es gab keinen Ausweg aus dieser alljährlichen Hölle. Ein weiterer Schluck aus der Tasse half dabei, das Unumgängliche zu akzeptieren. »Gut. Was steht als nächster Punkt auf der Liste des Grauens?« Liam musterte seine Schwester. »Wie wäre es mit einer Klamotte, die nicht nach obdachlosem Heckenpenner schreit?«

Freya senkte den Kopf. Weite, grün-schwarz karierte Stoffhose. Definitiv nicht ihre, denn sie musste die Bänder so festziehen, dass die nun beinahe bis zu ihren Knien reichten. BH, darüber ein graues, kurzes Shirt, das gerade so ihre Brüste bedeckte. Sie nahm das Stück Stoff und zog es vor sich, um den Aufdruck zu erkennen. Eine geköpfte Mickymaus. Sie runzelte die Stirn. Das war definitiv auch nicht ihres. Wie zur Hölle konnte das denn passieren?

Bedächtig und mit äußerster Vorsicht, zog sie den straff gespannten Bund der Hose nach vorn und warf einen raschen Blick auf ihren Slip. Ihrer. Sie atmete erleichtert auf und ein Schmunzeln zuckte an ihren Mundwinkeln. »Dein fucking Ernst?« Liam sah sie fassungslos an. »Das letzte Glas gestern muss nicht mehr gut gewesen sein«, erwiderte sie toternst. »Eher die letzte Flasche«, raunte er und deutete auf die Ansammlung leerer Glasflaschen. Freya winkte ab, doch bevor sie etwas erwidern konnte, flog die Terrassentür auf und ihr Vater kam herein. Sein blonder Vollbart war mit Blut durchzogen. Seine Hand an die Nase gepresst. Die dicke Wollmütze hing schief auf seinem hellen Haar. Ein weiterer Cut klaffte blutend über seiner linken Augenbraue. »Es sind Monster …«, nuschelte er, während er von Schnee überzogen in die Küche stolperte. Hinter ihm Nora. Ihr petrolfarbenes Haar zu einem wilden Dutt geknotet. Ein dunkles Stirnband über die Ohren gezogen. Eine Mischung aus Belustigung und Frustration durchzog ihre Miene. »Hör auf zu jammern und nimm es wie ein Mann, verflucht. Sie haben den Stein doch nicht mit Absicht in den Schnee gepackt.«

Jax schnaubte. »Und ob.«

Nora rollte die Augen, schob sich an ihrem Mann vorbei und schnappte sich eins der Küchentücher. Routiniert durchtränkte sie es mit Wasser und warf es in seine Richtung. Es klatschte gegen seine breite Brust und fiel dann wie ein Stein zu Boden. »Mach dich sauber und dann den Boden«, zischte sie und deutete auf die Blutstropfen, die er hinterlassen hatte.

»Ich liebe dich auch«, grollte er, während er sich bückte, um den nassen Stofffetzen aufzuheben. Liam und Freya hatten das Ganze schweigend beobachtet. Nicht gewillt, Noras Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, doch genau diese streifte nun ihre Tochter. »Warum trägst du mein Shirt?«

Freya zuckte mit den Schultern und gab ihr somit die ehrlichste Antwort, die sie aufbringen konnte. Für einen Augenblick sah es so aus, als wollte Nora noch etwas erwidern, doch ein Klirren zog alle Blicke in das Wohnzimmer, welches sich unweit der Küche befand. Durch den offenen Durchgang hatten sie freie Sicht, auf den gut fünf Meter hohen Weihnachtsbaum, der den Wohnsaal in ein schummriges Licht tauchte. Eine der Glaskugeln wackelte verdächtig. Nora und Freya neigten synchron die Köpfe, während sich tiefe Falten auf Liams und Jaxs Stirn abzeichneten. Verwandtschaft war doch etwas Tolles, vor allem, wenn die einem buchstäblich ins Gesicht geschrieben stand.

Ein Rascheln war zu hören. Wieder zuckte eine der Kugeln. »Was zum Teufel ist das?«, fragte Freya mehr sich selbst als die Anwesenden. Dennoch antwortete Liam leise. »Ich habe keinen blassen Schimmer.« Vorsichtig erhob er sich, zog eins der Fleischmesser aus dem Block vor sich und lief los. Nora, Freya und Jax folgten ihm. Anspannung befiel ihre Muskeln. Ihre Herzschläge beschleunigten sich. Eine Kugel löste sich von dem Ast, rutschte zwischen den Zweigen der riesigen Tanne hindurch und ging mit einem hellen Klirren zu Bruch. Schlagartig kam Bewegung in den Baum. Äste wackelten auf allen Ebenen. Von ganz unten, bis zu der Spitze, die beinahe die gewölbte Decke streifte. Ein Erinnerungsfetzen blitzte in Freyas Verstand auf und ließ sie innehalten. »Ezra«, wisperte sie. »Ist gestern Abend noch gekommen«, beendete Liam den Satz und sah seine Schwester fragend an. Grauen zeichnete sich in ihrem Gesicht ab.

»Ezra ist hier?«, fragte Nora. Sorge und Entsetzen schwang zu gleichen Teilen in dieser eigentlich harmlosen Frage.

»Ja, ist er, aber …« Liam stockte mitten im Satz, als auch ihm das Ausmaß dieser Bedeutung endlich bewusst wurde. »Oh nein. Fuck. Nicht schon wieder.«

Die Shields stürmten los, doch bevor sie den immer stärker wackelnden Baum erreicht hatten, neigte dieser sich verdächtig, um einen Wimpernschlag später endgültig umzukippen. Gerade noch rechtzeitig kamen Liam und Freya vor ihren Eltern zum Stehen. Die Äste des Baums streiften sie, bevor er mit einem tosenden Gepolter auf dem Boden einschlug. Das Klirren, der zerbrechenden Glaskugeln hallte von den Wänden wider.

Die Zeit blieb stehen. Vier Augenpaare starrten ungläubig auf das Grün, welches sich nun durch den gesamten Raum erstreckte und sämtliche Möbel unter sich begraben hielt. Noch immer wackelte der Baum und plötzlich schossen vier helle Farbkleckse aus dem Geäst. Pfeilschnell eroberten sie den Raum, sprangen über die abstehenden Äste in die Höhe, erklommen die Empore und hinterließen nichts als trappelnde Geräusche, erzeugt durch ihre kleinen Pfötchen.

»Er hat ihnen Frettchen geschenkt«, erklärte Liam das Offensichtliche. Jax starrte fassungslos auf das in Schutt und Asche gelegte Wohnzimmer. Dankbar dafür, dass der Raum eher einem Saal glich und somit zumindest die bodentiefen Fenster vor Schaden bewahrt worden waren.

Nora hingegen hatte gemischte Gefühle. Ihre Hände ballten sich unkontrolliert zu Fäusten. Rote Flecken zogen sich über ihren Hals und wanderten langsam weiter nach oben. »Ich bringe ihn um. Frettchen? Ich töte ihn. ES REICHT! WIR SIND KEIN VERDAMMTER ZOO!«

Ihre Stimme riss auch Freya aus ihrer Trance der Fassungslosigkeit. Doch im Gegensatz zu dem Rest wandte sie sich schweigend ab, lief zurück zu dem Whiskeyregal und verzichtete dieses Mal auf die Tasse. Sie nahm den ersten Schluck direkt aus der Flasche, bevor sie sich auf die Küchentheke setzte, die Beine überkreuzte und mit einem zufriedenen Grinsen dabei zusah, wie Nora brüllend aus der Küche rannte.

»Na dann … frohe Weihnachten«, raunte sie mit erhobener Flasche, als eine weitere Tür aufsprang und ein von Panik verfolgter Ezra über einen der Hocker sprang, die Terrassentür aufriss und barfuß, oberkörperfrei und nur mit Boxershorts bekleidet in dem irischen Wintersturm verschwand. Es war wohl nicht mehr nötig, die Insel zu verlassen, denn das Blut und der Tod hatten einen sehr amüsanten Weg zu ihr gefunden.

 
 
 

2 Kommentare


😂🤣 konnte nicht anders und musste das einfach mit euch teilen.

Dankeschön. Hab deine Nachricht gerade erst gesehen. Hoffe du hattest eine schöne Zeit und bist gut ins Neue Jahr geschlittert. 🩶

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Jana F.
Jana F.
29. Dez. 2025

Na da hast du dich ja wieder selbst übertroffen... Da kann man nur " frohe Weihnachten " wünschen 😉🤣 :-)

Bin schon gespannt auf dein Buch, was ich leider erst zum Geburtstag geschenkt bekommen.... Aber ich bin ja geduldig 🤣🙈 LG und nenn guten Rutsch in 2026 💚🖤 skal

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