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ShortStory

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Kinderlieder

Achill Island, Nordküste Slievemore, Südhang 31. Oktober 1850, 02:00 Uhr »Folge, folge kleiner Stern. Ich hab dich zum Fressen gern.« Der Regen peitschte unaufhörlich auf ihren dürren Körper und hatte ihr leichtes Schlafgewand schon völlig durchweicht. Der sonst kratzige Leinenstoff schmeichelte sich sanft um ihre schmalen Beine. »Folge, folge kleiner Stern. Ich hab dich zum Fressen gern.« Elizabeth drehte sich um ihre eigene Achse, als sie erneut die kichernden Stimmen und den melodischen Singsang vernahm. Lachend folgte sie der sanften Melodie und tapste mit ihren nackten Füßen, die riesigen Stufen zu der alten Kapelle empor, welche wie ein Mahnmal der Ehrfurcht über Slievemore throne. Ein schmaler Spalt eröffnete sich vor ihren Augen. Elizabeth zögerte einen Moment, als ihre kleinen Finger das nasse Holz der schweren Tür berührten. Keine bleiernen Ketten versperrten die Tür, wie es sonst üblich war. Nur am heiligen Sonntag durfte die Kapelle betreten werden. Vermochten ihre Freunde ihr einen Streich zu spielen? Sorgsam ließ sie ihren Blick ein letztes Mal über das Dorf gleiten. Doch nichts außer Dunkelheit und absolute Stille traten ihr entgegen. Wieder vernahm die ein Kichern. Dumpfer, entfernter als noch vor wenigen Augenblicken, aber es drang eindeutig aus der Kapelle. Schnell schlüpfte sie durch den schmalen Spalt der offenen Tür. Hastig wischte sie sich ihre blonden Haare aus dem feuchten Gesicht, die ihr die Sicht erschwerten. »Wo seid ihr?«, flüsterte sie zaghaft in die Finsternis vor sich. Ein kühler Windhauch schlug ihr entgegen und die eisige Kälte fraß sich erbarmungslos in ihren ausgekühlten Leib. Schnell schlang Elizabeth die Arme um ihre Brust und rieb sich über die nackte Haut. Wie sehr wünschte sie sich gerade, dass sie ihr Mäntelchen übergezogen hätte. Das gedämpfte Mondlicht drang durch die imposanten Buntglasfenster und warfen gespenstische Schatten durch das Kirchenschiff. Flackernde Kerzen formten zuckende Schemen an die karg verputzten Wände. Ein unliebsames Kribbeln zog durch ihren Magen und breitete sich schleichend in ihrem Körper aus, bis sich ihre Nackenhärchen aufstellten. »Essylt?«, rief Elizabeth diesmal etwas kräftiger nach ihrer Freundin. Just in dem Moment ertönte erneut der Singsang aus der hintersten Ecke der Kapelle. Schon erfasste sie den hellen Schein hinter dem Altar und dennoch zögerte sie und umarmte sich etwas fester. Sie war noch nie die Mutigste und sie hasste es, Verstecke zu spielen, längst galt sie im Dorf als Angsthase und trotzdem war sie ihren Freunden gefolgt, die sie aus dem Schlaf erweckt hatten. Nein, diesmal würde sie nicht nach Hause laufen. Dieses eine Mal würde sie mutig sein. Mit zaghaften Schritten lief sie den düsteren Gang zwischen den Bänken entlang. Vorbei an abgebrannten Kerzenstummeln, die in ihren Eisenhalterungen verweilten, den Blick fest auf den Boden vor sich gerichtete, um der Angst in ihren Gedanken keinen weiteren Nährboden zugeben. Ihre Schritte hallten, wie ein warnendes Omen bis in das Dachwerk des alten Gebäudes, während ein abscheulicher Geruch in ihre Nase wanderte. Angewidert vergrub Elizabeth augenblicklich das Gesicht in ihre Armbeuge und verzog dieses. »Was macht ihr hier?«, fragte sie und trat um den goldverzierten, steinernen Altar. »Wir spielen ein Spiel! Doch bist du dafür mutig genug kleine Elizabeth?«, hallte es von allen Seiten auf sie nieder. Ein entrüstetes Schnauben entfuhr ihr und ließ sie Aufsehen. »Natürlich bin ich das!«, erwiderte sie barsch und blickte auf Essylt, die plötzlich aus dem Schatten trat. Ein hinterlistiges Lächeln zuckte über deren Lippen, so kurz, dass Elizabeth es nicht erfassen konnte. »Dann folge mir«, krächzte Essylt. Ihre Stimme trug einen rau, fast blechern Ton, doch Elizabeth vernahm dies nur beiläufig und folgte dem blonden Lockenkopf tiefer in die Kapelle bis zu einer schmalen Tür, die ihr davor noch nie aufgefallen war. Ein leises Quietschen schwappte durch die drückende Stille und Elizabeth erschaudern. Die Angst entflammte neu und begann unmittelbar zu einem lodernden Feuer zu werden, welches sie zu übermannen drohte. »Sein kein Angsthase«, knurrte Essylt kaum hörbar. Es dauerte einige Herzschläge, bis Elizabeth wieder Herr ihrer Sinne war und, sich selbst Mut zusprechend, daran machte Essylt durch die Tür zu folgen. Eine gebogene Treppe aus abgewetzten Holzdielen tat sich vor ihr auf und führte tief in den Abgrund. Der Geruch von verdorbenem Fleisch brannte Elizabeth sofort in den Augen, ihr Magen zog sich schmerzhaft zusammen und sie vernahm, wie ein bitterer Geschmack sich den Weg durch ihren Rachen bahnte. Kopfschüttelnd wollte sie sich zurück durch die Tür schieben, als Essylt mit einem unnatürlichen Lächeln ihr den Weg versperrte. Elizabeth verspürte den kurzen Druck auf ihrer Brust, bevor sie das Gleichgewicht verlor und in die Tiefe stürzte. Dem jähen Ächzen des Holzes folgte ein mit Qualen erfüllter Schrei. Ihre jungen Knochen brachen unter der Last des Aufpralls. Ihr Schädel splitterte, als er hart gegen die raue Ziegelwand krachte. Wellen des Schmerzes durchfuhren den hageren Körper, als er auf einem felsigen Boden zum Liegen kam. Wild tanzende Lichtpunkte begleiteten die Übelkeit, welche die Wunden hervorriefen. Zitternd unter deren Last flackerten die Bilder vor Elizabeths Augen. Verschwommen nahm sie Essylt wahr, die sich über sie beugte und ihr etwas zuflüsterte. Doch Elizabeth vernahm nicht eins ihrer Worte. Zu immens waren die Schmerzen. Zu unvorstellbar das, was sie zu sehen vermochte. Zu grauenvoll die Erkenntnis, woher der verdorbene Geruch stammte.

Verlangen

Ein tiefes Brummen liegt in meinen Ohren. Ich spüre meinen rasenden Puls und das tobende Herz in meiner Brust. Es schlägt so schnell, dass es mir bereits Schmerzen verursacht. Ich keuche und ringe um jeden Atemzug, während meine Lungenflügel sich immer fester zusammenziehen. Ein trüber Schleier legt sich auf mein Sichtfeld und hüllt mich nahezu in Dunkelheit. Eine bittere Kälte frisst sich durch meine Adern und lässt meine Muskeln unwillkürlich zucken. Ich verliere mich. Ich verliere die Kontrolle über meinen Geist. Etwas Dunkles breitet sich in mir aus. Etwas Unaufhaltsames. Schleichend, wie eine Schlange windet es sich durch meinen Leib und hinterlässt nichts, außer ein drängendes, beinahe unaufhaltsames Verlangen. Langsam lasse ich mich zu Boden gleiten und versinke in dem, vom Regen aufgeweichten Boden. Der intensive Geruch von frischer Erde ummantelt mich und versucht mich zurück in die Realität zu holen, doch das Verlangen ist zu stark. Behutsam näher ich mich ihr und lasse meinen trüben Blick über ihren Körper schweifen. Das Rauschen in meinen Ohren wird belangloser. So unschuldig liegt sie vor mir. Noch nie habe ich etwas Schöneres gesehen, als ihre blasse Haut, welche von dem hellen Schein des Vollmondes noch hervorgerufen wird. Ihre Lippen so rot und voll, als wären sie nur dazu erschaffen worden, um mich in ihren Bann zu ziehen. Wie mein persönliches Schneewittchen liegt sie hier auf dem Nebel belegten Waldboden. Die schwarzen Locken liegen kunstvoll um ihr puppengleiches Gesicht verteilt. Kleine Äste und Blätter haben sich darin verfangen und dienen als verräterische Spur, der letzten Minuten. Sie hat es mir nicht einfach gemacht und dennoch ist sie nun endlich mein. Sie zu betrachten, lässt mein Herz endlich ruhiger schlagen. Mein Körper kommt langsam wieder zu sich, während mein Geist sich immer tiefer in seine eigene Dunkelheit ziehen lässt. Kaum sichtbar hebt sich ihr Brustkorb. Ihre leisen Atemzüge kommen einem Singsang gleich und ihre weichen Gesichtszüge ließen einen fast glauben, dass sie in einem wunderschönen Traum verweilte. Doch ob ich Teil in diesem sein würde? Ein kurzes Zucken legt sich in meine Mundwinkel und ich spüre, wie ein breites Lächeln sich auf meine Lippen legt. Nein, sie war so unbefleckt. Jemand, wie ich hätte keinen Platz in ihrem jungen, unschuldigen Geist und doch werde ich es sein, der ebendiesen bis zu ihrem letzten Atemzug bewohnen wird. Meine Hand wandert zu der silbernen Klinge, welche nur auf mich zu warten scheint. Behutsam umfasse ich den Schafft des Messers und hebe es an. Mein Herzschlag beschleunigt sich und vorsichtig setzte ich die Klinge auf ihrer samtigen Haut an. Mein Magen durchzieht ein Kribbeln, welches ich in all den Jahren meines Lebens noch nicht gespürt habe. Noch nie habe meinen Verlangen nachgegeben. Noch nie habe ich es so weit kommen lassen. Noch nie habe ich jemanden getötet.

Freitag der 13.

Du solltest werden mein Eheweib, gezeichnet hast du meine Haut, mein Herz schlägt wild durch mein zitternd Leib, denn nie hätte ich zu hoffen getraut. Die Nächte waren einsam, die Dunkelheit so tief, wir wollten es gemeinsam, doch ich war so naiv. Deine Augen so strahlend, die Worte voller Liebe, die Stimmen immer mahnend, die Klänge voller Hiebe. Deine Lügen fesselten mich, in deinem Antlitz ewig verloren, ich wollte nicht leben ohne dich, denn wir hatten es uns geschworen. Der Freitag, der jedem bringt das Pech, sollte werden zu unserem Tag, doch durch dich wurde Gold zu Blech, zu hart traf dich der erste Schlag. Auf dem Boden vor meinen Füßen, die Augen trüb und leer Jeder muss seine Süden büßen, ab jetzt belügst du mich nicht mehr.

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